Erinnerungen ...

Beim Frühstück haben wir immer zusammen die Tageszeitung gelesen.
Papa, gibst du mir schon mal den Sportteil?


Wie oft saßen wir gemeinsam am PC - an verschiedenen Orten, aber über das Internet miteinander verbunden. Im chat führten wir lockere Unterhaltungen, manchmal bis spät in die Nacht. Ich sah immer, ob du online warst. An dem Nachmittag, als du nicht mehr nach Hause kamst, wartete ich vergebens auf die Nachricht: Thomas hat sich gerade angemeldet.

Am Wochenende, wenn ich zum Mittagessen zuhause war, machten wir uns zum Nachtisch immer gegenseitg Espresso. Wir beide waren in der Familie die Espresso-Fans.
Trinkst du einen mit? - Machst du mir auch einen?

Oft haben wir miteinander diskutiert. Ich musste immer als Trainigsgegner für deinen jugendlichen Diskussionstrieb herhalten. Manchmal war ich dann sauer über die Beharrlichkeit, mit der du den größten Unsinn vertreten hast, wohl wissend, dass es Unsinn war.
Keine fünf Minuten später hast du den Kopf wieder zur Tür herein gesteckt:
Papa, alles ok? Ich hab dich lieb!


Es hat mich immer gefreut, wenn ich dich für eines meiner Hobbies begeistern konnte, oder wenn du nach gründlicher Überlegung einen Ratschlag von mir annahmst. Genauso freute ich mich, wie du anfingst, deine eigenen Wege zu gehen, eigene, originelle Ideen zu entwickeln. Zu erfahren, dass du mit dem, was wir dir als Familie mitgegeben haben, auch in deinem Freundeskreis gemocht und geschätzt wurdest. Als du gestorben bist, hattest du meine Lederjacke an.


Die Lederjacke

Ich war zweiundzwanzig und mein Bruder sechzehn, als wir uns gemeinsam Lederjacken kauften. Dein Onkel hatte gerade sein erstes Moped bekommen, und ich freute mich, dass wir nun gemeinsam ausfahren konnten. Wir nahmen beide das gleiche Modell, kräftiges schwarzes Leder, stabiles, blau kariertes Futter und zwei rote Streifen auf dem Ärmel. Das Material war so gut verarbeitet, dass ich sagte: Pass auf, die kann mein Sohn auch noch tragen.
Das war fünf Jahre bevor du auf die Welt kamst - ich war noch nicht mal verheiratet. Es war immer mein Wunsch, einen Sohn wie dich zu haben, und in meinen Vorstellungen und Zukunftsplänen hatte dein Leben einen festen Platz. Das Glück meinte es gut mit uns, und du wurdest genau der Junge, den ich mir immer gewünscht habe. Die Lederjacke lag bereit, und wie selbstverständlich passte sie dir zur rechten Zeit.
Am 30. November 2001 trugst du genau diese Jacke. Du fuhrst vom Hof und kamst nicht wieder heim.

Dein Weg Den Weg, den Du vor Dir hast,
kennt keiner.
Nie ist ihn einer so gegangen,
wie Du ihn gehen wirst.
Es ist Dein Weg.
(aus dem Internet)
Da sagte Thomas zu ihm: "Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst; wie können wir den Weg wissen?" Jesus sprach zu ihm: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich." (Joh. 14, 5-6)

Mein Sohn, du bist mir nun schon Tage voraus!